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Da man im Zirkus unendlich viele verschiedene Nummern hat, ist eigentlich für jeden etwas dabei, was er gut kann und was ihm viel Spaß macht. So können Kinder und Jugendliche sich im Zirkus unglaublich entfalten und ihr Lieblingsgebiet, sei es Theaterspielen wie die Clowns, richtiger Sport wie die Akrobatik oder etwas für geschickte Hände wie das Jonglieren oder Diabolospielen praktizieren und weiterentwickeln. In Zirkuskünsten kann man seinen Körper spielerisch beherrschen lernen und entwickeln. Sie können für jeden einzelnen an körperliche, seelische oder mentale Grenzen führen. Außerdem kann man auch das Soziale im Menschen sehr gut mit Zirkuskünsten entwickeln, da man nur durch Kooperation eine gemeinsam erarbeitete Aufführung gestalten kann. Hierfür sind viele Entscheidungs- und Dialogprozesse Grundlage und man lernt in ihnen mit den Anderen zu kommunizieren. Des Weiteren lernt man im Zirkus auch viel improvisieren. Denn eine Zirkusaufführung nur mit technischen Zirkusnummern, wie Jonglieren oder Akrobatik, kann für viele Zuschauer und Artisten schnell langweilig werden und erst wenn auch Clowns, Zauberer oder eine andere Programmdurchführung (z.B. eine schauspielerisch dargestellte, lustige Geschichte) die Vorführung künstlerisch gestalten und von einer Nummer zur nächsten führen, kann man die Aufführung einen richtigen Zirkus nennen. Außerdem müssen für so eine Aufführung die einzelnen Nummern so variiert werden, dass sie für die Zuschauer neu und interessant sind. Für erlebnispädagogische Projekte können die von den Teilnehmern schon mitgebrachten Fähigkeiten egal welcher Art gut mit in das Programm eingebaut werden, z.B. das Spielen eines Musikinstrumentes, Inline- oder Skateboardfahren oder die künstlerischen Fähigkeiten, die zur Gestaltung der Bühne oder für die Verkleidungen der Artisten genutzt werden können. Um die Kraft und Dynamik das ganze Zirkusprojekt über aufrecht zu erhalten, ist es sinnvoll eine kleine Aufführung oder Präsentation an den Schluss zu setzten, auf die alle hin arbeiten können.

 

An den Beispielen der Amokläufe und dem Mobbing in Chat-Rooms im Internet zeigt T. Lang, dass junge Menschen sowohl physische als auch seelische und geistige Erlebnisse und Erfahrungen brauchen. Im Folgenden erklärt er warum die Zirkuspädagogik sehr geeignet ist, diese Erlebnis- und Erfahrungsräume zu bieten. Dass die körperliche Betätigung mit der seelischen, sozialen und geistigen Entwicklung sehr nah zusammen hängt, sei in der pädagogischen Welt „ein offenes Geheimnis“ (Lang, 2010, S. 176) und „durch die Ergebnisse der modernen Hirnforschung sind diese Zusammenhänge (…) wieder (…) ins öffentliche Bewusstsein gerückt“ (Lang, 2010, S. 176). Er bezieht sich an dieser Stelle auf Hüther 2006 und Bauer 2006. Um die Wirkung von bestimmten Zirkuskünsten auf die Entwicklung von körperlichen und geistigen Fähigkeiten, die ja sehr miteinander verwoben sind, zu erklären erläutert er einige dieser Zirkuskünste auf ein paar Seiten.

Akrobatik

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Bei der Akrobatik muss man seinen gewohnten, sicheren Standpunkt am Boden verlassen und ein neues Gleichgewicht mit den anderen Akrobaten finden. Anfangs sind die Muskeln meistens noch deutlich verspannt und man kann die Unsicherheit der Übenden noch wahrnehmen. Erst nach einigen Versuchen gelingt es den Übenden, die Aufstiege und Figuren elegant und geschmeidig hinzubekommen. Bei diesen vielen Versuchen laufen nach T. Lang „vielfältige körperliche und seelische Prozesse“ ab. Wenn die Figur dann gelingt kann der Obere die körperliche und seelische Erfahrung machen, einem anderen voll und ganz zu vertrauen und, dass er seine anfängliche Angst durch Üben und Mut überwinden kann. Für den Unteren ist die Erfahrung ganz anders, da er das Erlebnis gemacht hat jemand anderen tragen zu können. Er ist also jemand, auf den man vertrauen kann. „Beide Partner geben ihre eigene Mitte, Aufrechte und Sicherheit zugunsten einer neuen gemeinsam errungenen Mitte auf“ (Lang, 2010, S. 177). Diese Erfahrungen, Vertrauen zu bekommen und jemand halten zu können, ist ein unglaublich wichtiges Erlebnis, welches das Selbstvertrauen und die Persönlichkeitsbildung auf sehr positive Weise stärkt. Bei der Akrobatik kommen Menschen sich sehr nahe und müssen auch offen miteinander sprechen, da die Übungen sonst nicht funktionieren. Dafür muss man seine Bedürfnisse klar ausdrücken, aber man muss sich auch in den anderen hineinversetzen können, auf körperlicher und geistiger Ebene.

Jonglage

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Bei den Zirkusdisziplinen, bei denen die Geschicklichkeit mit den Händen verlangt ist, wie z.B. Jonglieren, Diabolo, Devilstick und Keulenschwingen, ist der Rhythmus die entscheidende Sache. Das altbekannte Sprichwort „Rhythmus ersetzt Kraft“ scheint hier wirklich aufzugehen. Beim Jonglieren sind Polaritäten wie „Fangen und Werfen“ und „Oben und Unten“ im stetigen Rhythmus. Wenn Menschen, die noch voll im Stress des Alltags sind, anfangen zu jonglieren, kann man oft feststellen, dass die Fangbewegungen unförmig und die Würfe unkontrolliert sind. Um geschmeidig und fließend zu jonglieren, muss der Jongleur den Flugrhythmus der Bälle mitfühlen und innerlich verbinden. Um jonglieren zu lernen muss man zwischen dem Üben immer wieder reflektieren um es dann zu verbessern versuchen. „Bei diesem Wechsel zwischen Üben und Reflektieren entwickelt sich ein bewegliches, lebendiges Bewusstsein“ (Lang, 2010, S. 179). Hierbei wird nicht nur körperliche Beweglichkeit entwickelt, sondern auch die geistige Bewegung wird im harmonischen Rhythmus geschult. Nach Kiphard (1991, S. 86 f., n. Lang, 2010, S. 179) kommt es durch das ständige Wechseln der Bälle von der linken zur rechten Hand und zurück zu einem regen Austausch der rechten Gehirnhälfte, die eher die Qualitäten, wie Rhythmus und Jonglierstil wahrnimmt, und der linken Gehirnhälfte, die „vor allem das genaue analytische Verfolgen der Bälle spiegelt“ (ebd.). Dadurch komme „eine allmähliche Verbesserung von Konzentration, Körperorientierung, räumlicher und zeitlicher Orientierung, der Tiefenwahrnehmung, des Timings sowie der Planungs- und Merkfähigkeit für verschiedenste Sequenzen und Bewegungsmuster“ (ebd.) zustande. Außer diesen Aspekten werden beim Jonglieren mit mehreren Partnern soziale Fähigkeiten, z.B. durch das Ausgleichen eines zu weit geworfenen Balles, der das nächste Mal häufig zu kurz geworfen wird, entwickelt.

Balance

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Bei Balancierdisziplinen im Zirkus ist die körperliche Bewegung im Vergleich zu anderen Zirkusdisziplinen ziemlich wenig, dafür ist anfangs die Anspannung, die sich sowohl im Körper als auch in der Psyche einstellt extrem hoch. Jetzt besteht das Ziel erst einmal darin ruhig zu werden und seine Mitte zu finden. Um dies zu versuchen, muss man erst einen Schritt vom festen, sicheren Boden machen und mutig ins ungewisse schreiten. Wenn dies getan ist geht innerlich ein „‚Feuerwerk‘ los zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Anspannen und Ausgleichsversuchen los, das sich in schwitzenden Händen, Herzklopfen, Verspannungen zeigen kann“ (Lang, 2010, S. 180). Dieses „Feuerwerk“ muss jetzt in Griff bekommen werden, damit man die Herausforderung meistern kann. T. Lang beobachtet hier zwei Typen: Den, der vor Angst erstarrt und wie ein Brett vom Seil herunter kippt und den, der ohne Hemmungen drauf los läuft und nach wenigen unkontrollierten Schritten herunter fällt. „Der eine ist von seiner Angst getrieben, der andere von seiner lässigen Einstellung und seiner Unkonzentriertheit“ (Lang, 2010, S. 180). Der erste kann lernen, dass er, durch einen tiefen Atem, bewussten Kontakt mit den Füßen und ein Ausbalancieren, auf seine Fähigkeiten vertrauen kann, auch wenn er nicht auf dem sicheren Boden ist. Der andere kann durch bewusste Wahrnehmung seiner Hast und Eile seine überflüssigen, ihn ins Ungleichgewicht stürzenden, Bewegungen auf das richtige Maß zu reduzieren und zur Ruhe zu kommen. Durch die Erfahrung, dass man immer zu sich kommen kann und die Ruhe und Gelassenheit findet, die für das Balancieren notwendig ist, kann man sich gut weiterentwickel und es „(…) entsteht Selbstsicherheit aus der eigenen Mitte heraus“ (Lang, 2010, S. 181).

Clowns

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Um Stimmung in die Zirkusaufführung zu bekommen werden oft Clownsspiele und Improvisation verwendet. Der Zirkuspädagoge sollte die Übenden immer positiv anregen in spielerischer Weise Improvisationen durchzuführen. Beim Clownsspielen muss man immer im „Hier und Jetzt“ sein und muss seiner Fantasie freien Lauf lassen. Hier kann man Dinge tun und Grenzen überschreiten, die man im Alltag lieber nicht tun würde. „Die Fähigkeit zu einem offenen, unvoreingenommenen und kreativen Umgang mit Dingen“ (Lang, 2010, S. 181) kann einem auch im weiteren Leben in schwierigen Lebenssituationen helfen und auch im Berufs- und Arbeitsleben von großer Bedeutung sein. Beim gemeinsamen Spielen und Improvisieren lernt man ganz stark, durch das aufeinander Achten und sich in den anderen Einfühlen, die Empathie, die für das gegenseitige Verstehen, Lösen von Konflikten und einem offenen Dialog geradezu lebensnotwendig ist.

 

Aufführung

Auch bei der Planung der Abschlussaufführung werden viele Abstimmungsprozesse (Was für ein Thema? Welche Rollen gibt es? Wer bekommt welche Rolle? Wie viele Nummern kann man maximal machen? Wie lang soll eine Nummer etwa sein?) geübt und gelernt. Vor der Aufführung entsteht oft ein Stimmungstiefpunkt, da sich die Gruppe nicht mehr sicher ist, ob sie die Präsentation hinbekommt. Als ich im Zirkus Rosado (der Schulzirkus der Freien Waldorfschule St. Georgen) mitmachte, konnte ich diese Stimmung in unserer Gruppe sehr deutlich spüren. Anders als in den meisten anderen Gruppen war sie aber auch angebracht, da die Nummer noch nicht sehr gut lief. Und dennoch übertrafen wir alle Proben die wir hatten in den Aufführungen. Da die Aufführungen des Zirkus Rosados öffentlich sind und oft viele Zuschauer kommen, war die Anspannung vor der ersten Aufführung sehr hoch. Die zweite Aufführung wurde (meiner Meinung nach) die beste, da die Anspannung nach der ersten Aufführung gesunken war, doch der Ehrgeiz wenigstens eine Aufführung besser zu machen immer noch sehr hoch war. Vor so vielen Zuschauern ist man immer hochkonzentriert und nimmt jeden kleinen Fehler, den man im Begriff ist zu machen, sofort wahr. Auch T. Langs Erfahrungen zeigen, dass die Gruppe über diesen Prozess, der Anspannung vor der Aufführung zu einem kraftvollen Team zusammen wächst und bei der Aufführung nochmal über sich hinauswachsen.

Zirkuspädagogik

Nach T. Lang hat ein Zirkuspädagoge nur die Aufgabe in den Teilnehmern die Begeisterung am Zirkus zu wecken. Ist dies erst einmal geschehen, muss er lediglich den Prozess begleiten, das heißt die technischen Anleitungen geben und die Schüler inspirieren ihre eigenen individuellen und kreativen Wege zum Ziel zu gehen. Auch ist es Aufgabe des Zirkuspädagogen Vertrauensspiele, Übungsphasen und Gruppenübungen in das Projekt einzubringen. Natürlich braucht ein Zirkusprojekt einen anderen Führungsstil, wenn die Schüler freiwillig kommen oder wenn sie „gezwungen“ sind.

Um dem Schüler positiv weiterzuhelfen ist es nicht angebracht ihn oder seine Bewegungen zu beurteilen, wie in „Du jonglierst viel zu verkrampft!“ oder „Du jonglierst immer noch viel zu schnell, sei langsamer!“. Vielmehr sollte man ihn aufmerksam machen auf das, was er falsch macht, z.B. indem man ihm verschiedene Jonglierstile zeigt und fragt welche der Variante ihm am besten gefalle und welche seinem Jonglierstil wohl am nächsten komme. Man muss also den Übenden dazu bringen, seine Bewegungen wahrzunehmen. Das kann man auch gut mit Fragen machen, einige Beispiele sind: Fliegen die Bälle zu hoch oder zu tief? Wie funktioniert der Rhythmus? Sind die Bewegungen flüssig? Durch solche Fragen überlässt man dem Übenden die Freiheit der Entscheidung und er kann sich so verbessern, wie er es möchte. Häufig liegen die Lernblockaden nur an der Einstellung, der Wertvorstellung und den Urteilen über sich selbst. Diesen Lernblockaden kann man so begegnen, indem man den Schüler auf die eigene Einstellung hinweist. Hierbei sollte man die Einstellung eines Schülers nicht als „schlecht“ oder „gut“ bewerten, sondern nur die Aufmerksamkeit des Schülers auf diese Einstellung lenken. Wenn zum Beispiel ein Kind eine bestimmte Übung nicht hinbekommt und nach jedem missglückten Versuch sagt: „Ich krieg das nicht hin!“, könnte man dem Kind ein Zeichen geben, es muss gar nicht vorher abgemacht sein und sollte diesen Leitsatz auch nicht bewerten. Dieses Zeichen könnte das Hinlegen eines übrigen Jonglierballs an eine bestimmte Stelle sein oder wie T. Lang ein sehr ähnliches Beispiel beschrieb ein Strich an der Tafel. Anfangs bemerkt das Kind nicht was man macht, aber, wenn es das dann rausbekommen hat, wird es wahrscheinlich über diesen Satz nachdenken und ihn vielleicht fallen lassen. In T. Langs Beispiel kommt das Kind fünf Minuten später wieder und sagt stolz und freudig: „Schauen Sie mal, es klappt!“. Dabei hat der Trainer nichts anderes gemacht als die Wahrnehmung des Kindes auf den Satz zu lenken, der den Lernprozess blockierte. Er hat dabei weder den Satz, also das Verhalten des Kindes, noch das Kind selbst beurteilt oder kritisiert. Meiner Meinung nach und der von T. Lang ist, dass in allen Bereichen der Pädagogik die Grundhaltung der Pädagogen den Schülern gegenüber positiv und voll Respekt ist, damit wird man nicht nur zum Wissens- und Techniklehrer des Kindes sonder man lehrt auch das Kind, dass es mit der richtigen Einstellung und mit Ausdauer alles lernen kann.

 

Bei solchen Zirkusprojekten sollte man aber immer darauf achten, dass kein Leistungsdruck entsteht. Natürlich müssen sich die Schüler anstrengen und alles so gut machen wie sie nur können, aber es ist meiner Meinung nach vollkommen falsch, wenn sie ein bestimmtes Niveau, das z.B. von den Vorgängern vorgesetzt wurde, erreichen müssen.

 

                                                                                                                                  Rafael Schiafone (Jahresarbeit zum Thema Erlebnispädagogik November 2011)

Zirkus Rosado

Seit über 30 Jahren schon heißt es bei uns einmal im Jahr "Manege frei" und fast alle Schüler,

Eltern und Lehrer lassen sich einen Nachmittag oder Abend lang in eine andere Welt entführen.

Dann wird gestaunt, gelacht und geklatscht ob der stets begeisternden Darbietung unserer Clowns und Artisten.

 

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